Wir kämpfen, weil es uns gefällt.

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Wie wir unsere Moral aufrechterhalten – gegen jede Wahrscheinlichkeit.

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Die Frage ist nicht, ob wir gewinnen können, sondern wie wir leben wollen.

Seit einem Vierteljahrhundert bin ich Teil der anarchistischen Bewegung. Im Laufe dieser Zeit habe ich gesehen, wie wir – gegen jede Wahrscheinlichkeit – inspirierende Siege errungen haben. Von lokalen Konflikten bis hin zu internationalen Konfrontationen haben wir die Autoritäten immer wieder gezwungen, sich zurückzuziehen, um Raum für unsere Experimente mit anderen Lebens- und Beziehungsweisen zu schaffen. Einige dieser Räume blieben nur Minuten bestehen, andere halten seit Jahrzehnten durch. Wir können die anarchistische Bewegung selbst als einen dieser Räume verstehen.

Ich habe auch viel Leid und Verzweiflung gesehen. Viele unserer Gefährt*innen wurden im Kampf für unsere gemeinsamen Ideale verletzt, angeschossen, eingesperrt oder getötet. Viele weitere haben ihren Glauben daran verloren, dass wir je eine bessere Welt, die all die Opfer rechtfertigen würde, erreichen werden. Es ist sehr schwer, die Moral aufrechtzuerhalten, wenn mensch sich mit der gesamten Weltordnung anlegt.

Ich glaube immer noch leidenschaftlich daran, dass einige wenige Leute enorm viel in der Welt um uns herum verändern können. Ich hoffe aber nicht darauf, in einem zukünftigen Paradies für meine heutigen Anstrengungen bezahlt zu werden. Ich bin kein Angestellter der Revolution, der auf seine Lohnabrechnung wartet. Ich mache das alles, weil der Kampf an sich erfüllend ist.

Ich glaube nicht an die Fortschrittserzählung der westlichen Aufklärung, nach der menschliches Leben kontinuierlich zwangsläufig immer besser wird. Und wenn wir unseren Teil dazu beitragen, können wir uns dann selbst dazu beglückwünschen, ein Teil dieses Geschichtsverlaufes zu sein, der angeblich auf dem Kurs Richtung Gerechtigkeit verläuft? Nein, im Gegenteil: die Kämpfe, in denen wir uns heute engagieren, existieren schon sehr lange. Auf manchen Gebieten haben wir etwas an Boden gewonnen, auf anderen an Boden verloren, aber so etwas wie den absoluten Sieg oder die komplette Niederlage gibt es einfach nicht. Es gibt auch keine Gewissheit dafür, wie all diese Kämpfe ausgehen werden.

Ich glaube nicht, dass ich durch meine Teilnahme an anarchistischen Kämpfen die Welt retten werde. Im Gegenteil, ich kämpfe in dem Wissen darüber, dass eines Tages die gesamte Welt zerstört sein wird – von der Sonne verbrannt; lediglich Asche die übrig bleibt. Wenn dieser Tag kommt, möchte ich, dass die letzte Geschichte eine voller Schönheit & Tragödien und des Widerstands gegen die Tyrannei ist. Ich möchte, dass die Geschichte, die wir erleben, eine voller Freude, Mut und Zusammenhalt ist. Ich kämpfe, weil es eine Möglichkeit ist, an jene zu erinnern, die vor uns den Platz im Kampf innehatten, weil es eine Möglichkeit ist, die Kreativität und Rebellion meiner Zeitgenoss*innen zu honorieren, weil es ein Akt der Solidarität jenen gegenüber ist, deren Herz angesichts des Unglücks und der Ungerechtigkeit bricht. Ich kämpfe, weil ich weiß, dass es kein ›glücklich bis ans Ende aller Tage‹ gibt, keine Erlösung, die auf uns am Ende der Geschichte wartet; es gibt nur das, was wir heute gemeinsam machen. Das ist die gesamte je zu erreichende Schönheit, der gesamte je zu erfahrene Sinn in dieser Welt – und das kann mehr als genug sein.

Ist es nicht dennoch viel schwerer zu kämpfen? Setzen wir uns nicht unnötigem Leid aus, wenn wir uns mit so mächtigen Gegnern anlegen? Wäre es nicht einfacher aufzugeben und mit dem Strom zu schwimmen?

Wir sind alle dazu bestimmt zu leiden – das ist die einzige Sicherheit in dieser Welt. Die Sterblichkeit ist ein wesentlich größerer Gegner als der Staat. Ob wir uns nun entscheiden zu kämpfen oder nicht: wir werden leiden. Die Frage, die sich stellt, ist, in welchem Kontext dieses Leiden stattfinden wird. Werden wir leiden, während wir auf der Suche nach den Dingen sind, die uns am wertvollsten sind? Oder werden wir auf der versuchten Flucht vor Schmerz und Unsicherheit bedeutungslos leiden? Als würde uns das retten. Meine Erfahrungen in Hunderten Black Blocs haben mich überzeugt, dass es vorne üblicherweise am sichersten ist.

Ich habe mich damit abgefunden, dass wir an Kämpfen teilnehmen, die niemals endgültig gewonnen werden können. Es geht nicht einfach darum, eine einzelne Regierung zu stürzen oder den Staat als soziale Form zu zerstören, sondern um den niemals vollendeten Prozess, Hierarchien und Unterdrückung in all ihren möglichen Formen zu bekämpfen. Das ist ein Projekt, das niemals abgeschlossen sein wird.

Für mich ist die Akzeptanz dessen, dass meine Handlungen ihre Bedeutung nicht aus einem zukünftigen Ziel ableiten können, mit dem Prozess der Auseinandersetzung mit meiner Sterblichkeit verbunden. Da ich den Tod als unvermeidlich erkenne, eile ich nicht schneller darauf zu. Meine Aufmerksamkeit verschiebt sich im Gegenteil auf alles, was nicht Tod ist, so klein es auch sein mag. In einer Welt des Todes, in einem Nekrokosmos, der sich über Milliarden von Lichtjahren meist leeren Raums erstreckt, einem Kosmos, der laut einigen Astronom*innen bereits auf dem Weg Richtung Hitzetod ist, ist das Aufgehen eines einzelnen Samens für mich bedeutsamer als all die wirbelnden Galaxien des Staubs. Wir mögen von unseren Feind*innen besiegt werden, wir sind sicher dazu verdammt, selber zu Asche zu werden, aber wenn die Dinge nun mal so liegen, dann sind Momente, in denen etwas anderes passiert, etwas anderes als der Tod, alles, was bedeutsam ist – sei es eine liebevolle Interaktion zwischen zwei Freund*innen, die Aufrechterhaltung eines anarchistischen Sozialen Zentrums, die Entwicklung einer untergründigen Musik-Tradition wie Punk oder Klezmer, ein explodierender Riot oder der Sturz einer Regierung.

Die Tatsache, dass die beschriebenen Momente eingetreten sind, wird für immer bestehen bleiben, unveränderbar, im Hohn gegenüber dem Vakuum. Die Feigheit und Brutalität von einzelnen Polizist*innen und von der Polizei als Institution, die entsetzlichen Taten des IS oder des NSU – sind alles nur Hintergrundlärm, wie die zwei Gewissheiten im Leben: Tod und Steuern.

Aus diesen Momenten – aus unseren erlebten Erfahrungen von Anarchie und Freiheit – können wir eine Vision der Zukunft ableiten, die nicht auf der ständigen Wiederholung christlicher Eschatologie hinausläuft, sondern die eine Dimension dessen ist, wie wir uns im Hier und Jetzt verhalten. Ob wir Anarchie in einem größeren Maßstab als in unseren hart erkämpften Freundschaften, Liebesbeziehungen, Projekten und Aufständen erleben werden, ist ungewiss. In der Zwischenzeit kann die Vision dieser Möglichkeit uns in der Gegenwart verankern und uns Orientierung bieten, unsere Aktionen leiten, auf die Art wie ein*e Seefahrer*in mit Hilfe der Sterne über den Ozean navigiert. Wenn wir uns eine Utopie ausmalen können, kann diese Utopie – unabhängig davon, was morgen passiert – in der Realität an Boden gewinnen, indem sie es uns ermöglicht, aktiv zu werden, wie wir es uns ohne sie nicht einmal vorstellen könnten. Der Realitätsgehalt einer zukünftigen Utopie wird durch die Handlungen bestimmt, die sie uns heute ermöglicht. In dieser Hinsicht ist meine Fähigkeit, an die Möglichkeit eines gesellschaftlichen Wandels zu glauben – nicht als etwas, das in der Zukunft geschehen soll, sondern als etwas, das ich genau jetzt verfolgen kann – ein grundlegender Teil meiner Fähigkeit, vollständig zu leben, eine gesunde Beziehung zu meiner Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Das ist etwas anderes als der Glaube an eine Revolution, die uns als großer Endkampf erscheint und nach welcher wir im Paradies leben werden. Der Glaube an die Möglichkeit eines gesellschaftlichen Wandels ist keine wissenschaftliche Zukunftsprognose, sondern eine Entscheidung, wie ich mich auf mich und meine eigenen Fähigkeiten beziehen möchte.

Das ist es, was mich in die Lage versetzt, aktiv zu werden, so bescheiden manche Aktion auch sein mag, so unvollkommen sie auch sein mag – und aus meinen Aktionen zu lernen, Kontakt mit anderen aufzunehmen und wieder tätig zu werden. Die Geschichte der Anarchie als gelebte Erfahrung des Menschen besteht aus solchen Handlungen, die in der Ewigkeit schweben werden, nachdem jedes Empire gesiegt hat und zerstört wurde und die Erde von der Sonne verschluckt wurde.

»[…] niemals weder daran gedacht […] zu siegen noch siegen wollten
und auch mit keinem Gedanken gedacht haben dass es irgendwo irgendwas zu siegen gäbe
und weißt du was wenn ich es recht überlege dann erscheint mir das Wort Siegen jetzt wahrhaftig gleichbedeutend mit Sterben.«

-Nanni Balestrini, Die Unsichtbaren


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Desert: »Tief in unseren Herzen wissen wir alle, dass die Welt nicht ›gerettet‹ werden wird« (Unrast Verlag, 2016)

Green Nihilism or Cosmic Pessimism by Alejandro de Acosta

Diese Übersetzung entstammt dem Buch Writings on the Wall


Das grösste Schwergewicht. — Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: »Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Große deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge — und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht — und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!«

— Würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon verfluchen, der so redete? […] Oder wie müsstest du dir selber und dem Leben gut werden, um nach Nichts mehr zu verlangen, als nach dieser letzten ewigen Bestätigung und Besiegelung?_

  • Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft